10. Oktober 2022

Segel Log: Woburn Bay – Carriacou

Nach arbeitsreichen Wochen präsentiert sich Mabul in Höchstform. Auch das vorerst letzte, große „Ding“, der Propeller, sollte wieder vibrationsfrei seine Arbeit verrichten. Wir können also endlich guter Dinge langsam Richtung Norden aufbrechen.

Eigentlich war unser Plan, direkt von der Woburn Bay im Süden Grenadas in die Tyrell Bay, der großen Westbucht Carriacous, zu segeln. Wenig Wind und viel Regen verzögern aber unsere Abfahrt, so dass wir beschließen am ersten Tag nur zirka einen Drittel der Gesamtstrecke zu machen. Vorläufiges Ziel ist die Black Bay in der Nähe von Halifx Harbour an der Westküste von Grenada.

Wir tuckern unter Motor durch den Kanal aus der Woburn Bucht. Im Standgas sind keinerlei Vibrationen mehr feststellbar, sobald der Anker frei ist, erhöhe ich in kleinen Schritten die Drehzahl bis auf 2000 U/min. Mabul macht am Ende fast sieben Knoten durchs Wasser und Vibrationen sind kaum noch zu spüren. Der Einsatz unter Wasser hat sich gelohnt! Es kann also weiter gehen….

Es geht los! Wir segeln an der Südküste Grenadas Richtung Point Saline
Tag 1: Gen Norden

Wir setzen die Segel, luven an und schon sind wir bei einem SE Wind mit 12 – 15 Knoten auf einem Halbwind Kurs und steuern auf Point Saline, die Südspitze von Grenada, zu. Getrieben von einer Regenwolke wird die See rauer und der Wind bläst mit bis zu 20 Knoten, sobald wir den Point Saline passiert haben.

Ruppigere See nahe Point Saline bei knappen 20 Knoten Wind

Vor unserem Halse-Manöver werden wir noch fünf Seemeilen nach Westen segeln, um direkt in der Black Bay anzukommen. Kurz nach der Halse tauchen wir ins Lee von Grenada und die See beruhigt sich. Der Regen driftet gegen Norden ab und damit bricht der Wind zusammen. Bei zirka sechs Knoten Wind rollen wir die Segel ein und fahren unter Motor die restlichen vier Seemeilen.
Am Ankerplatz angekommen, werfen wir dreimal den Anker – nie hält er und wir ziehen hauptsächlich Seegras an die Oberfläche. Also fahren wir weiter Richtung Norden nahe der Küste entlang auf der Suche nach einer besseren Ankermöglichkeit. Irgendwo auf dem Weg passe ich nicht auf und überfahre direkt eine Fischerboje. Ich merke es nur, weil ich plötzlich scheppernde Geräusche von unter mir, also vom Antrieb, höre. Sofort gehe ich in den Leerlauf und wundere mich was passiert ist. Kurz darauf sehe ich hinter uns Seilstückchen und Bojenreste auftauchen. Interessant. Das rotierende Messer auf der Welle, kurz vor dem Propeller installiert, funktioniert anscheinend tadellos. Vorsichtig lege ich den Vorwärtsgang im Standgas ein, es gibt noch ein, zwei Seilschnitt-Geräusche und Ruhe kehrt ein. Wir machen wieder normal Fahrt. Erstaunlich!

Der vierte Ankerversuch an der Westküste vor Gouyave bei strömenden Regen


Vor der kleinen Hafenstadt Gouyave, wo bereits einige Fischerboote liegen, starten wir unseren vierten Ankerversuch. Es regnet inzwischen in Strömen, so dass wir beim Ankern patschnass werden, doch der Anker hält, endlich.
Nach dem wir den Anker eingefahren und geprüft haben, ziehen wir Tagesbilanz. An Pannen mangelt es nicht: Die Standby-Taste des Autopiloten quittierte ihren Dienst, eine Lasche am Stackpack, dem Segelsack für das Großsegel, riss ab und zu guter Letzt riss noch eine Leine, die das Dinghy am Davit hielt. Was für ein Glück, dass das nicht schon vorher unter Segel passiert ist.

Nun ist erstmal Essen angesagt, wir sind beide hungrig und genießen dann erschöpft das Gewitter Schauspiel am Horizont. Noch ahnen wir nicht, was die Nacht noch bringt….

Der Regen zieht weiter

Die Regenwolken, die wir am Abend noch so ehrfurchtvoll bewundert haben, bescheren uns in der Nacht einen heftigen Swell, also einrollende Wellen, die von Westen bei SE Wind in die Bucht schwappen. Dadurch rollt Mabul ununterbrochen von Steuerbord auf Backbord – und mit ihr rollt alles, das nicht Niet und Nagelfest angebunden ist. An Schlaf ist nicht zu denken und Karin steht alle paar Minuten auf, um Gegenstände festzubinden.

Tag 2: Zwischenstopp Ronde Island

Am Morgen hört der Spuk dann endlich auf und als wir den Kopf durch die Lucke strecken, bietet sich uns ein einmaliges Naturspektakel. Der Regenwald leuchtet in grellen, intensiven Farben und über uns kreisen große Raubvögel. Auch das kristallklare Wasser der Bucht versöhnt uns mit der fürchterlichen Nacht.

Die leuchtenden Farben des Regenwalds nach einer schlaflosen Nacht

Als erstes springe ich ins Wasser und sehe nach dem Prop, ob dort noch Reste der Fischerboje entfernt werden müssen. Tatsächlich finde ich noch ein kurzes Stück, welches ich einfach wegziehen kann. Keinerlei Schäden an Prop, Welle und Messer erkennbar. Danach springt Karin ins Wasser, um nach dem Anker zu schauen. Sie findet ein Stück Seil, über dem unsere Ankerkette liegt – vielleicht ein abgeschnittener Dinghy-Anker? Den könnten wir gut gebrauchen. Karin taucht ab, zieht das Seil unter der Kette durch, doch an dessen Ende findet sie bloß einen Holzstock. Das Seil behalten wir, alles wir auf Mabul rezykliert und Seile kann man immer gebrauchen.
Nach dem Kaffee zieht schon wieder die nächste Regenwolke über Grenada auf uns zu und wir warten noch ein wenig, bevor wir wieder Segel setzen. Wir lichten unseren Anker und hoffen, wieder die Winde der Regenwolke reiten zu können.

Wir versuchen die Winde der Regenwolken zu nutzen und fallen weiter nach Westen ab

Ab dem Ankerplatz ist erstmal fast kein Wind, dann aber beschert uns die Regenwolke Wind von NE bei 15 – 20 Knoten. Optimal! Da wir Mabuls Belastungsgrenze noch nicht gut genug kennen und vorsichtig mit ihr umgehen wollen, setzen wir das erste Reff ins Groß und das zweite in die Genua. Wir gehen hart an den Wind und machen 7 – 8 Knoten Fahrt. Unsere Wenden versuchen wir so zu timen, dass wir weiter Höhe gewinnen und den Wind nutzen, ohne aber in die Regenwolke zu steuern.

Ronde Island liegt zwei Seemeilen vor uns

Karin wirft ihren Köder aus und hofft darauf, dass ein Tuna anbeißt. Nachdem wir die Wolke hinter uns gelassen haben, segelt Mabul ruhig und stetig, ganz unaufgeregt und mit wenig Krängung. Ein fantastisches Gefühl! Nach 15 Seemeilen erreichen wir fast trocken die westliche Bucht von Ronde Island und werfen unseren Anker in sechs Meter Tiefe – heute ohne neue Schäden, aber auch ohne Fischerglück.

Tags darauf beschließen wir eine weitere Nacht in der Bucht vor Ronde zu verbringen. Es ist einfach traumhaft schön, und auch Brioni und Iain, die wir in der Benji Bay kennen gelernt haben, sind in der Nacht mit ihrem Katamaran Indioko in die Bucht gekommen. Das schottische YouTuber-Paar hat alles verkauft und ist vor zwei Jahren in die Karibik gekommen, um sich hier einen Katamaran zu kaufen. Mehr zu ihren Abenteuern – und die sind vielzählig, vor allem die Pannen – findet ihr auf ihrem YouTube Kanal Red Seas oder in unserem BoatCast Episode 8.
Mit den Beiden machen wir einen kurzen Landgang und suchen gemeinsam einen Trampelpfad, der uns zur nördlichen Bucht bringt kann. Nach einer kurzen Dschungel-Etappe drehen wir um – viele Spinnen und Kakteen, aber kein Pfad.

Einsamer Traumstrand in der Westbucht von Ronde Island

Nachmittags kümmere ich mich um die Autopiloten und tausche kurzerhand beide Panels. Der Haupt-Autopilot hat nun das neuere der beiden Panels mit lesbarem Display und funktionierenden Tasten.
Den mit der defekten Standby-Taste schraube ich kurzerhand auf und finde eine kalte, korrodierte Lötstelle. Ich mache sie sauber, setze meinen Gaslötkolben an und schon funktioniert das Teil wieder!

Nach einem langen und lustigen Abendessen auf SV Indioko mit unseren schottischen Freunden fallen wir müde ins Bett…

Tag 3: Weiter nach Carriacou

Mit einigen Tagen Verspätung – was soll´s, wir haben ja Zeit – setzen wir Segel Richtung Carriacou, das im Nordosten von uns zu sehen ist. Vorläufiges Ziel ist Saline Island im Süden, der Ankerplatz ist allerdings sehr klein und bietet nur sehr wenigen Booten sicheren Halt. Der Wind kommt aus SE Richtung mit 15 Knoten und wir gehen wieder hart an den Wind. Bald sehen wir auf unserem AIS, eine Funktechnologie mit Hilfe derer man andere Boote auf dem Chartplotter sieht, dass vor Saline Island bereits zwei Boote liegen, und wer weiß, wie viele weitere noch, die das AIS ausgeschaltet haben…
Kurzerhand ändern wir die Route und steuern direkt auf die Tyrell Bay, die Hauptbucht in Carriacou, zu.

Karin versucht’s mal wieder auf dem letzten Leg nach Carriacou

Knapp unterhalb der Nordküste Carriacous dreht der Wind zu unseren Gunsten und bläst nun fast genau aus Süden. So können wir ohne Manöver immer weiter unseren Kurs anpassen, bis wir zirka eine halbe Meile vor der Bucht die Segel bergen, mit direktem Blick in die Tyre ll Bay. Doch da sehen wir sie, eine große Anzahl Segelschiffe, wie eine Segelschiffherde, ähnlich wie in der Woburn Bay. Wie wird da wohl die Wasserqualität sein? Also erneute Planänderung. Wir fahren unter Motor an der Bucht vorbei und werfen zirka eine Seemeile südlich in einer namenlosen Bucht Anker.

Angekommen! Wir liegen vor Anker in einer namenlosen Bucht eine Seemeile südlich der Tyrell Bay

Der Anker hält auf Anhieb und wir haben nur vier Nachbarn. Die Küste ist wunderschön und vielfältig. Steilküste wechselt sich mit Mangroven, Dschungel und kleinen Stränden ab. Wir nutzen die Ruhe in der Bucht, um unser Boot wohnlicher einzurichten, Fotos unserer Familie und Freunde aufzuhängen, aufzuräumen und den Dingen langsam ihren Platz zuzuweisen, schließlich ist das nun unser Zuhause.

Der Blick vom Niedergang unter Deck

Das Bootsleben fühlt sich für uns auch immer noch wie das Eintauchen in ein fremdes Universum an. Jeden Tag beschäftigen wir uns mit neuen Themen und Herausforderungen, YouTube und das Internet erweist sich dabei als hervorragende Spielwiese, um sich Wissen anzueignen. Manchmal fühlt sich das Bootsleben auch an, wie eine Art Pfadfinderleben für Erwachsene. So merken wir, als wir vor Anker liegen, dass wir nicht mehr auf´s Boot steigen können, wenn das Dinghy nicht im Wasser ist. Hochgezogen und festgemacht am Dinghy-David, blockiert es die Leiter und den ganzen hinteren Einstiegsbereich. Wie also können wir schwimmen und danach wieder einsteigen, wenn wir das Dinghy nicht jedes Mal ins Wasser lassen wollen? Eine Leiter, die wir an der Seite festmachen können, wäre gut, bloß haben wir keine. Doch Leinen und Seile haben wir genügend und mit Hilfe eines YouTube Videos beginnt Karin aus einem Seil eine Strickleiter zu knüpfen. Der Einstieg über die Seite funktioniert nun perfekt!

Funktioniert!

Nun sind wir also hier, in Carriacou. Statt einem Tag sind es vier geworden, das nimmt man einfach mit einem Achselzucken hin. Die entstandenen Schäden haben wir bereits unterwegs wieder repariert und wir haben Mabul wieder ein gutes Stück besser kennengelernt.

Wir haben die Tage genossen, das Segeln, das Unterwegssein, die Nähe zur Natur. Es fühlt sich gut und richtig an und wir freuen uns, auf das, was uns in den kommenden Monaten erwartet. Nach den vielen Wochen vor Anker in der Woburn Bay scheint nun ein neues Kapitel, das Segelkapitel, begonnen zu haben. Dass dieses Kapitel viel Flexibilität und Kreativität von uns verlangen wird, dass wir Pläne machen werden, nur um sie kurz darauf wieder zu verwerfen und anzupassen, ist uns inzwischen längst klar geworden.

Gewitter ziehen am östlichen Abendhimmel durch

Bereits braut sich in der Mitte des Atlantiks ein Tiefdruckgebiet zusammen, das direkt Kurs auf uns hält. Wir konsultieren regelmäßig die PredictWind App, die alle notwendigen Wetterdaten liefert, und die Website des National Hurricane Centers, um über den neusten Stand der Tropenstürme informiert zu sein. Noch ist kein geschlossener Wirbel in den Vorhersagen zu erkennen, in zwei bis drei Tagen werden wir schlauer sein. Und am Besten gut geschützt vor Anker in einer Bucht….

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Veröffentlicht von Alex

1 Kommentar

Ja, unsere Liebe zu Hunden kennt keine Grenzen :)..

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