Nachtfahrt durchs Piratengebiet

Nach viereinhalb Monaten in der Werft in Guatemala reisen wir ab. Wir sind erleichtert und traurig zugleich. Erleichtert, dass wir die Hitze, die endlosen Bootsprobleme, die vielen Arbeiten und die Werft hinter uns lassen können; traurig, weil wir unsere Freunde Riki und Martin und ihre Töchter Naia und Kira, sowie Einhandsegler Thomas zurücklassen und wahrscheinlich für lange Zeit nicht mehr sehen werden. Immer wieder heißt es Abschiednehmen, doch dann segeln wir tatsächlich von Guatemala nach Providencia.

Abschied von Thomas der noch am Steg winkt.

Das Wetter entspricht unserer Stimmung: es ist trüb und regnerisch und klart erst auf, als wir den See überquert haben und in den Fluss einbiegen. Verzaubert vom Dschungel, den Vogel- und Affenstimmen, gleiten wir langsam den Rio Dulce hinunter bis nach Livingston.

Blick auf Livingston vom Ankerplatz aus

Während Alex mit Hilfe unseres Agenten Raul ausklariert und die Bootsformalitäten erledigt, hüte ich Mabul vor Anker. Livingston, so sagte man uns schon bei der Ankunft, ist ein Ort, an dem einem die Fender vom Boot geklaut werden, wenn man nicht aufpasst, deshalb wollen wir möglichst schnell weiter. Doch da ist ja diese niedrige Sandbank… Unsere Ankunft hatten wir so geplant, dass wir bei der höchsten Tide des Monats über die Sandbank kamen. Diesmal wird es nicht einmal die höchste Tide des Tages sein, da wir wegen den Fischernetzen unsere Reise nicht im Dunkeln beginnen wollen, trotzdem hoffen wir, dass wir es schaffen. Vorsichtshalber haben wir Hector informiert. Hector ist ein lokaler Fischer, der Segelschiffe, die nicht über die Sandbank kommen, am Mast packt, querlegt und dann über die Sandbank schleppt. Wir haben einen Tiefgang von 1 Meter 65 – das Problem ist: Niemand weiß genau, wie tief die Sandbank liegt.

Sandbank voraus im Nebel…

Kurz vor Sonnenuntergang fahren wir los. Wir folgen unseren alten Wegpunkten und der Tiefenmesser fällt und fällt: 40, 30, 20, 10 Zentimeter und dann auf Null. Dort bleibt er Minuten lang während wir langsam, Meter für Meter vorwärts tuckern, immer darauf bedacht sofort zu stoppen, sollten wir auflaufen. Es ist eine nervenaufreibende halbe Stunde. Ein paar Hundert Meter entfernt sehen wir Hectors Fischerboot. Doch dann auf einmal: 10, 20, 30, 40 Zentimeter….wir haben’s geschafft. «Gute Fahrt und eine sichere Reise», schreibt uns Hector über WhatsApp und dann ist er weg. Wir überqueren die große Bucht, wo wir für eine Nacht vor Anker gehen.

Wir folgen unserem alten Track, Tiefenmesser steht bei 0

Ungewöhnliche Westwinde setzen ein, gut für uns, die wir nach Osten wollen, aber der Ankerplatz liegt nun ungeschützt, Mabul schaukelt die ganze Nacht wild hin und her, so dass wir kaum ein Auge zudrücken. Am nächsten Morgen koche ich für mehrere Tage vor: Spaghetti und Linseneintopf, dieser hat sich bei längeren Passagen als gute Mahlzeit entpuppt, ist schnell aufzuwärmen und nahrhaft. Dann lichten wir Anker und beginnen unsere Reise. Unser Ziel liegt 600 Seemeilen weit weg und ist eine kleine, kolumbianische Insel namens Providencia, näher bei Nicaragua als bei Kolumbien. Hier werden wir unsere Freunde Jeroen, Aagje und Rajesh von SV My Motu wieder treffen. Ein Jahr haben wir uns nicht gesehen und die Vorfreude ist riesig.

Die See is rauer als sie wirkt

Wie ein Pferd, das zu lange im Stall gestanden hat, rast Mabul los. Nie zuvor war sie so schnell, doch die Fahrt ist ruppig, die Wellen hoch. Nach über vier Monaten an Land bekommt uns das nicht gut. Alex und ich werden beide seekrank und bleiben es zwei Tage lang. Wir sehen kein anderes Boot auf dem aufgebrachten Meer und so verkriechen wir uns in unsere Koje, damit sich der Magen etwas beruhigen kann. Dank unserem iPad, auf dem wir Navionics installiert haben, sehen wir den Kurs und andere Schiffe. So können wir im Schutz von Mabuls Bauch beruhigt weitersegeln. Mabul, erfreut endlich wieder im Wasser zu sein, springt und hüpft und rast übers Meer.

So segeln wir der Küste Guatemalas, dann Honduras entlang, lassen die Inseln Roatan und Guanaja zu Steuerbord liegen und nähern uns langsam Nicaragua.

Es geht wieder etwas besser

Nicaragua, von Armut, Korruption und politischer Instabilität gezeichnet, ist kein Ort, um Anker zu werfen. Einen großen Bogen, ähnlich wie um Haiti, sollen wir hier fahren, hat man uns geraten. Denn immer wieder wurden Segelboote von Fischern angegriffen und ausgeraubt. Vor Nicaraguas Küste erstreckt sich über fast 100 Meilen eine flache Meeresplatte. Wir planen sie zu umrunden, doch die Wellen und Winde sind so ungemütlich, die See so rau, dass wir beschließen ein wenig abzukürzen. Achtzig Meilen halten wir Abstand von Nicaraguas Küste, genug, um sicher zu sein vor Piraten-Fischern – denken wir.

Es ist bereits Abend, als wir in die Gewässer vor der Nicaraguanischen Küste hinein segeln. Sicherheitshalber haben wir unser AIS und unsere Navigationslichter abgeschaltet. Kein Fischer, kein Boot, keine Insel ist zu sehen. Langsam haben wir uns an die raue See gewöhnt und können sogar etwas essen. Doch Welle um Welle schwappt über den Bug, rollt übers Deck und dann ins Cockpit, so essen wir in der Kabine. Als wir fertig sind, ist es komplett Dunkel. Ich strecke den Kopf aus der Luke, werfe einen prüfenden Blick über’s Meer und da sehe ich es: Ein helles Licht, ein Scheinwerfer! Sind es Fischer? Piraten? Kommen sie näher? Was tun? «Alex, mach alle Lichter in der Kabine aus», rufe ich schnell. Und so verwandeln wir uns in einen schwarzen Fleck.

Andere Segler – vor allem Amerikaner – haben Waffen an Bord für einen Fall wie diesen. Wir nicht. Wir haben einen Pfefferspray, Leuchtraketen und ein paar Messer. Was also tun wir, falls das Licht näher kommt, falls es Fischer sind auf der Suche nach einem einfachen Fang? Ich verstecke unsere Dollars, unsere Handys und unsere Laptops, aber für uns beide ist klar: Falls Piraten mit Waffen an Bord klettern, haben wir keine Chance, dann geben wir, was immer sie wollen.

Mabul rast unsichtbar durch die Nacht

Fieberhaft überlegen wir, was wir nun tun. Alex klebt das Licht am Dinghy ab, dann setzen wir uns gemeinsam in den Niedergang und machen eine radikale Kursänderung. Falls uns jemand folgt, soll er uns verlieren. Wir beobachten das Licht und erleichtert stellen wir fest, dass es kleiner und schwächer wird. Glück gehabt. Alex legt sich hin. Es reicht, wenn jemand Wache schiebt.

Ich beobachte die Nacht und verfluchte den Mond, der hinter den Wolken hervorgeklettert ist, hell am Himmel steht und unsere weißen Segel leuchten lässt. Erst gegen Mitternacht verschwindet er hinter dem Horizont. Jetzt umhüllt uns nichts als Schwarz. Doch da! Wieder ein Licht! Und noch eines! Immer mehr Lichter tauchen auf, aber sie sind weiter entfernt als das erste, das hier sind bloße Lichtschatten. Ich lasse Mabul hin und her zirkeln, immer mit genügend Abstand zu den Lichtern, immer in der Hoffnung, dass sie nicht näher kommen. Doch es ist ein beklemmendes Gefühl, das mich beschleicht, wir allein auf dem schwarzen Meer.

Um drei Uhr morgens wecke ich Alex. Wachablösung. Er übernimmt, ich gehe schlafen. Als ich um 6 Uhr in der früh wieder die Wache übernehme, ist kein Fischerboot mehr weit und breit. Wir sind nun über 120 Seemeilen von der Küste entfernt und statt Fischerbooten sehe ich Frachtschiffe, die unseren Kurs kreuzen. Selten habe ich bei ihrem Anblick so viel Erleichterung empfunden.

Alex erzählt, wie er in der Ferne ein rotes Licht sah, wie er dachte, es könnte das Backbordlicht eines anderen Bootes sein, glaubte, es weit weg zu wissen, doch dann, puff, rast es an Mabul vorbei und war weg. Wir wissen bis heute nicht, was das war, aber eines ist klar: Es ist fast unmöglich in der Nacht Distanzen abzuschätzen.

Langsam verstreicht der Tag und eine neue Nacht beginnt. Dann sehen wir in der Ferne ein helles Licht, rote und grüne Bojen. Der Eingang in die Bucht von Providencia! Wir sind da! Um Mitternacht werfen wir Anker, froh, erleichtert und erschöpft.

Mabul liegt sicher vor Anker vor Providencia

Am Morgen sehen wir die liebliche Bucht, die uns mit ihren Hügeln umschließt und zu beschützen scheint. Kein Wunder war Providencia früher auch bei Piraten und Seefahrern beliebt! Der bekannte englische Pirat Henry Morgan lebte im 17. Jahrhundert auf der Insel – so zumindest die Legende. Heute ist ein Fels, gleich bei der Einfahrt zur Bucht, nach Morgan benannt, der Morgan’s Head.

Echsen statt Kugeln, sehr sympathisch

Auch alte Kanonen zielen noch über den Buchteingang. Nicht Kugeln werden heute aus ihnen abgefeuert, sondern große Echsen strecken aus den Rohren ihre Köpfe in die Sonne. Nur wenige Boote liegen in der Bucht, auch zwei französische. Wir sagen Hallo, trinken einen Kaffee, tauschen Geschichten. Die Franzosen sind dieselbe Strecke wie wir gesegelt, aber bei Tag und noch näher an Nicaraguas Küste als wir. Eine halbe Stunde lang seien sie von einem Fischerboot verfolgt worden, erzählt die Crew vom einen Boot. Die anderen sagen, ein Fischerboot sei direkt auf sie zugefahren, doch dann, kurz vor dem Zusammentreffen seien die Fischer abgebogen, winkend. Beide Crews hatten einen gehörigen Schreck, genau wie wir.

Der erste Landausflug zusammen mit SV My Motu

Zwölf Stunden nachdem wir in Providencia Anker geworfen haben, biegen unsere Freunde von SV My Motu ums Riff. Es regnet in Strömen, doch Jeroen steht am Ankerkasten und winkt fröhlich. Sie sind in den US Virgin Islands losgesegelt und waren zehn Tage unterwegs. Doch kaum haben sie Anker geworfen, fahren wir rüber. Das Wiedersehen nach einem Jahr ist wunderbar! Es gibt so viel zu erzählen, so viel zu teilen und so viel Neues nun gemeinsam zu erleben. Wir planen die kommenden beiden Wochen, Weihnachten und Neujahr, in Providencia zu verbringen, dann wollen wir gemeinsam nach Panama.

Alex bleibt bei Mabul, das ist tröstlich. Wenn ich zurück bin, wird es immer noch genügend Arbeiten am Boot geben, doch unserem nächsten Abenteuer sind wir dann bereits näher: im kommenden Jahr wollen wir den Pazifik überqueren. Eigentlich verrückt.

Zusammenfassung

Zurückgelegte Distanz: 608 sm
Fahrtzeit: 3 Tage 13,5 Stunden
Durchschnittsgeschwindigkeit: 7,0 kn
Motorstunden: 1 Stunde

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Veröffentlicht von Karin

1 Kommentar

Johannes Neustifter

Super spannend. Viel Spaß euch beiden weiterhin und hoffentlich keine Begegnung mit Piratenfischern 🏴‍☠️. Liebe Grüße aus Elba!

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