Es gibt zwei Sätze, vor denen man sich hüten sollte. Der erste lautet: „Wir schauen nur kurz.“ Der zweite: „Schauen kostet ja nichts.“ Beide klingen harmlos. Tatsächlich aber haben sie das Potenzial, ein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen. Bei uns beginnt alles in einem kleinen Haus in den kolumbianischen Anden und mit der unerwarteten Frage, wie ein Leben in Barichara aussehen könnte..
Als wir im Casa Pájaro außerhalb von Barichara ankommen, ist es bereits stockdunkel. Zwölf Stunden haben wir auf schlechten Straßen von Bogotá gebraucht, um unser Vogelhaus zu erreichen. Das kleine Haus liegt am Ende der Straße vom Ende der Welt, eingebettet in einen Wald und Alex ist froh, dass er wie immer die Stirnlampe dabei hat, als er den Eingang sucht. Am frühen Morgen werden wir vom lauten Geknatter der kolumbianischen Guans, einer Art wildem Riesenhuhn, geweckt. Wir treten auf den Balkon und sehen, dass unter uns ein Wald liegt. Dahinter ziehen sich Hügel in weichen Wellen bis zur Abbruchkante des tief eingeschnittenen Cañón del Río Suárez. In der Ferne erkennen wir die Häuser von Barichara, dem angeblich schönsten Städtchen Kolumbiens.
Das Klima auf 1300 Metern über dem Meeresspiegel ist perfekt. Trocken und mit angenehmen 25 Grad genau richtig. Perfekte Temperaturen zum Denken und Schreiben, zum Wandern und Joggen. Natürlich ahnen wir da noch nicht, dass unsere Körper uns gleich zu Beginn einen Strich durch diese Pläne machen werden.

Unser erster Ausflug führt nach Barichara. Wir bestellen ein Tuk-Tuk, das uns über holprige Straßen ins Städtchen bringt. Bald merken wir allerdings, dass die unbefestigte Erdstraße von unserem Häuschen zur Hauptstraße bei Regen zu einer schlammigen Piste wird. Dann ist sie weder zu Fuß noch mit Motorrad oder Tuk-Tuk befahrbar. Da es zumindest im August oft am späten Nachmittag regnet, verbringen wir viele Abende zu Hause. Wir kochen, lesen, schreiben oder schauen einen Film.
Barichara selbst scheint in einer anderen Zeit stehen geblieben zu sein. Die Straßen aus großen Kopfsteinen sind gesäumt von weiß getünchten Häusern, die mit der lokalen Bautechnik der Tapia Pisada erbaut wurden. Dabei wird eine feuchte Mischung aus Erde und Lehm schichtweise in eine Schalung gefüllt und verdichtet. Die massiven Wände sind tragend und isolieren hervorragend. Die Straßen sind in einem klaren Raster angelegt, und kein Haus ist höher als zwei Stockwerke.
Es gibt kleine Gemüse- und Früchteläden, in denen Mangos, Mangostanen, Papayas und andere Früchte, frischer Käse und Gewürze angeboten werden. Bald finde ich meinen Lieblingsladen. Hier singt die Verkäuferin ein Lied, während sie die Lebensmittel auf eine alte Waage legt und meist noch eine Orange oder einen Bund Petersilie dazulegt. Es ist ein besonderer Genuss, frisches Obst und knackiges Gemüse auszusuchen, ein paar Worte mit ihr zu wechseln und anschließend mit einer vollen Einkaufstasche durch die Gassen zu laufen.
Im Zentrum steht die große Kirche, die Catedral de la Inmaculada Concepción. Davor, unter den Bäumen auf dem Platz mit dem Brunnen, treffen sich Jung und Alt. Hochzeitsprozessionen ziehen über den Platz, Schülergruppen versammeln sich für Selfies, und am Wochenende wird aus dem Zentrum ein Treffpunkt für das ganze Städtchen.

In der ersten Woche genießen wir vor allem, dass uns das Haus – ganz anders als unsere Mabul – nicht täglich mit einem neuen, unerwarteten Zipperlein überrascht. Meine ersten Freunde werden die sechs Hunde unserer Nachbarin. Zwei weiße, ein kleiner schwarzer, der meist lahmt, aber trotzdem immer dabei sein will, ein scheuer schwarzer, eine Kreuzung aus Dackel und Jagdhund und noch ein weißer. Jeden Tag, wenn ich zu einem Spaziergang aufbreche, gehe ich an ihrem Haus vorbei.
„¡Vamos!“, rufe ich schon von Weitem.
Dann sehe ich die Hundemeute auf mich zurennen. Meist begleiten sie mich auf dem ganzen Spaziergang bis hinunter zum Fluss und wieder zurück. Was für ein Hundeleben! In völliger Freiheit und doch immer gut versorgt. Auch im Casa Pájaro bekommen wir bald tierische Mitbewohner. Eine scheue schwarz-weiße Katze taucht auf. Einen Monat lang frisst sie zwar das Futter, das ich ihr hinstelle, lässt sich aber nicht anfassen. Dann darf ich ihr eines Tages über das Fell streichen. Von diesem Moment an verlässt sie das Haus nur noch ein einziges Mal – um ihre Freundin zu holen, die dann ebenfalls bleibt.
Neben den beiden Katzen haben wir einen grasgrünen Laubfrosch, der durch die offene Dusche hereinkommt und sich stundenlang an die Glastür klebt. Nachts werden seine Augen zu riesigen schwarzen Kulleraugen und seine Farbe wandelt sich von Grasgrün zu Lehmbraun. Kolibris, Fledermäuse, Greifvögel und Geckos gehören bald zu unseren regelmäßigen Gästen. Vom Balkon aus beobachten wir außerdem eine riesige Echse, die sich bei schönem Wetter auf einer Baumkrone sonnt.

Unser Plan ist eigentlich ein anderer. In den zweieinhalb Monaten, die wir im Casa Pájaro verbringen wollen, möchte ich ein paar längere Texte schreiben. Alex will sich vom Boot erholen, joggen und wandern. Beide Pläne werden schon nach kurzer Zeit durchkreuzt. Ich bekomme eine Sehnenscheidenentzündung in beiden Armen und kann kaum noch schreiben. Alex vertritt sich bereits nach wenigen Tagen den Fuß und kann kaum noch gehen. So werden wir von unseren eigenen Körpern stillgelegt. Zu einer wirklichen Pause gezwungen.
Statt zu schreiben, lese ich viel und gehe in die Natur. Statt zu joggen, sitzt Alex stundenlang mit seiner Kamera und Fernglas auf dem Balkon oder hinter dem Haus und wartet darauf, dass sich ein besonders schöner Vogel vor seine Linse verirrt. Langsam tauchen wir in stille Welten ein, in denen das Beobachten wichtiger wird als das Tun. Über Mabul sprechen wir so gut wie nie.
Nach einigen Wochen bekommen wir unerwarteten Besuch. Eine Freundin aus der Primarschule, die ich seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr gesehen habe, ist mit ihrem Mann auf einer einjährigen Weltreise. Sie haben in den sozialen Medien gesehen, dass wir in Kolumbien sind. Unser Häuschen ist groß genug, und so laden wir sie nach Barichara ein. Wir verbringen zwei wunderbare Wochen als WG im Vogelhaus, sprechen über ihre Land- und unsere Wasserabenteuer und gehen gemeinsam wandern.
Dann lernen wir auch die Menschen kennen, die dieses kleine Paradies geschaffen haben. Andrés und Sandy hatten das Grundstück vor rund neun Jahren eher zufällig entdeckt. Eigentlich waren sie nur auf der Durchreise gewesen. Sie wollten ein oder zwei Nächte in Barichara verbringen, bevor sie weiterfuhren. Doch wie so viele andere, die hierherkommen, verliebten sie sich in diesen Ort – und blieben.
Sie verkauften ihr Haus in der Stadt, kauften das ehemalige Kaffeeland und begannen Schritt für Schritt, ihren Traum zu verwirklichen. Statt möglichst viel Kaffee zu produzieren, ließen sie wachsen, was wachsen wollte. Bäume, Sträucher und Pflanzen eroberten das Gelände zurück. Vögel, Gürteltiere, Stachelschweine und Schlangen kehrten zurück. Nach und nach entstand ein kleines Ökosystem, in dem der Mensch nicht mehr der Mittelpunkt war, sondern nur noch ein weiterer Bewohner.

Als sie aus Bogotá hierherzogen, hätten sie vor allem Angst vor der Natur gehabt – vor Wespen, Schlangen und Spinnen, erzählt Sandy. Heute weiß sie, dass nicht die Tiere die eigentliche Gefahr sind. „Der gefährlichste Bewohner dieses Waldes“, sagt sie und schaut lächelnd zu uns herüber, „ist der Mensch.“
Genau deshalb hätten sie gelernt, nicht gegen die Natur zu kämpfen, sondern mit ihr zu leben – eine Lektion, die wir auf dem Meer ebenfalls lernen mussten. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb wir uns im Casa Pájaro so wohlfühlen. Nicht, weil hier alles perfekt ist. Sondern weil uns dieser Ort jeden Tag daran erinnert, wie wenig es manchmal braucht, um sich reich und beschenkt zu fühlen.
Im Casa Pájaro wird der Tag nicht von Terminen bestimmt, sondern vom Licht. Morgens, wenn die ersten Sonnenstrahlen über die Hügel kriechen, beginnt das Leben. Gegen Mittag wird es so heiß, dass selbst die Hunde den Schatten suchen. Und wenn am Nachmittag dunkle Wolken aufziehen, weiß jeder, dass es bald regnen wird.
Dann setzt oft ein heftiger Schauer ein, der die staubigen Wege innerhalb von Minuten in kleine Bäche verwandelt. Danach riecht die Luft nach feuchter Erde, und aus allen Ecken beginnt es zu zirpen, zu quaken und zu summen, als hätte jemand ein unsichtbares Orchester dirigiert. Langsam übernehmen auch wir diesen Rhythmus. Gerade diese Unspektakularität fühlt sich plötzlich wie ein Luxus an.
Vielleicht fällt uns das deshalb so stark auf, weil unser Leben davor das Gegenteil war. Die letzten Monate in der Werft bestanden aus To-do-Listen. Jeden Morgen wachten wir mit der Frage auf, welches Problem wir heute lösen mussten. Es gab immer etwas Dringendes, immer eine Entscheidung, immer den nächsten Arbeitsschritt.
Im Casa Pájaro verschwindet dieses Gefühl langsam. Zum ersten Mal seit langer Zeit wachen wir morgens auf, ohne dass sofort eine Aufgabe auf uns wartet. Irgendwann fällt mir auf, dass ich gar nicht mehr ständig aufs Handy schaue. Die Nachrichten aus der Welt laufen weiter. Kriege werden geführt, Regierungen gestürzt, Börsen steigen und fallen. Jahrelang war es mein Beruf, all das zu verfolgen.
Jetzt sitze ich auf einem Balkon in den kolumbianischen Anden und beobachte stattdessen einen Vogel, der geduldig versucht, eine Frucht von einem Ast zu lösen. Und ich frage mich: Darf man sich ausklinken, wenn draußen die Welt in Bewegung ist?
Vielleicht brauchen gerade Menschen mit meinem Beruf solche Pausen. Wer jahrelang immer nach vorne schaut, auf den nächsten Konflikt, die nächste Geschichte oder den nächsten Flug, verliert irgendwann den Blick für das, was unmittelbar vor ihm liegt. Im Casa Pájaro lernen wir wieder, genau hinzusehen. Nicht auf das Spektakuläre, sondern auf das Alltägliche.

Mit der Zeit entdecken wir auch die Umgebung. Rund um Barichara führen unzählige kleine Wege durch die Hügel. Manche enden an alten Kapellen, andere an Aussichtspunkten über den tief eingeschnittenen Río Suárez. Wieder andere verlaufen einfach zwischen Trockenmauern, Kakteen und uralten Bäumen.
Oft lassen wir einfach die Hunde entscheiden. Sie biegen irgendwo ab, wir folgen ihnen und landen an Orten, die in keinem Reiseführer stehen. Einer dieser Wege führt durch einen kleinen Wald, in dem riesige Ceiba-Bäume wachsen. Ihre Wurzeln ragen wie Mauern aus dem Boden, ihre Kronen verschwinden hoch über unseren Köpfen. Zwischen den Ästen hängen Bromelien, Orchideen und lange Bartflechten.
Es ist still, obwohl überall Leben ist. Vor allem die Vogelstimmen sind überall. Dazwischen hört man Insekten und den Wind in den Blättern. Nach einer Weile beginnen wir automatisch leiser zu sprechen, als wollten wir diesen Ort nicht stören. Je länger wir hier unterwegs sind, desto genauer hören und schauen wir hin. Mit der Zeit beginnt man sogar, die verschiedenen Vogel Arten voneinander zu unterscheiden und in einem Vogelbestimmungsbuch nachzuschlagen.
Genau hier erzählt uns Andrés eines Tages, dass weiter hinten ein Grundstück zum Verkauf steht. „Nur falls ihr einmal darüber nachdenken solltet“, sagt er beiläufig. Alex und ich schauen uns an und lachen. Wir? Ein Grundstück kaufen? Wollten wir nicht über den Pazifik segeln? Doch am nächsten Morgen gehen wir das Grundstück anschauen.

Es liegt vielleicht zwanzig Gehminuten vom Casa Pájaro entfernt. Hinter einer unscheinbaren Einfahrt führt ein schmaler Pfad durch einen lichten Wald. Riesige Felsen liegen zwischen den Bäumen, dazwischen wachsen Bromelien, Farne und wilde Orchideen. Anders als viele Grundstücke rund um Barichara wird dieses nie vollständig gerodet. Es wirkt nicht wie Bauland, sondern wie ein Stück Wald, das zufällig jemand besitzt.
Als wir auf einer kleinen Lichtung ankommen, bleibt uns beiden unwillkürlich der Atem stehen. Vor uns öffnet sich der Blick über die grünen Hügel Santanders bis hinunter in den tief eingeschnittenen Canyon des Río Suárez. Der Wind streicht durch die Baumkronen. Außer Vogelstimmen ist nichts zu hören. „Stell dir vor, hier steht ein kleines Haus“, sagt Alex.
Zum ersten Mal seit Jahren denke ich nicht darüber nach, wohin wir als Nächstes segeln. Stattdessen stelle ich mir vor, wie es wäre, einen Ort zu haben, an den wir zwischen unseren Reisen immer wieder zurückkehren könnten. Ein kleines Haus zwischen den Bäumen. Einen Schreibtisch mit Blick in den Wald. Einen Gemüsegarten. Vielleicht einen Hund und ein Pferd. Einen Ort, an dem Freunde ein paar Tage verbringen, schreiben oder einfach zur Ruhe kommen. Es ist ein gefährlicher Gedanke. Denn sobald man beginnt, sich ein Leben auszumalen, fühlt es sich plötzlich erstaunlich real an.
In den nächsten Tagen schauen wir uns weitere Häuser und Grundstücke an. Nicht, weil wir bereits entschieden hätten, sesshaft zu werden. Sondern weil wir neugierig sind. Was kostet hier eigentlich Land? Wie leben die Menschen, die alles hinter sich gelassen haben und geblieben sind? Und wie würde sich ein Leben an diesem Ort überhaupt anfühlen? Langsam verstehen wir, was die Menschen hier mit dem Barichara-Virus meinen. Es gibt einen Spruch, den wir immer wieder hören: „Entweder verliebst du dich in Barichara – oder Barichara spuckt dich wieder aus.“ Wir beginnen uns anzustecken.

Eines Tages lernen wir Vladimir kennen. Er besitzt zusammen mit seinem Bruder das kleine Hotel Piedra Moler, nur wenige Minuten vom Casa Pájaro entfernt. Weil es dort einen wunderschönen Pool gibt, verbringen wir immer wieder heiße Nachmittage dort. Jedes Mal, wenn wir vorbeikommen, setzt sich Vladimir zu uns. Wir sprechen über Kolumbien, über Barichara, über unsere Segelreise und irgendwann natürlich auch über unsere Suche nach einem möglichen Stück Land. „Ich habe genau das Richtige für euch“, sagt er eines Tages mit einem breiten Grinsen. „Kein Grundstück wie all die anderen. Einen magischen Wald.“
Am nächsten Morgen holt er uns ab. Nach etwa zwanzig Minuten auf schmalen Straßen erreichen wir einen abgelegenen Bauernhof. Dort wartet Héctor bereits auf uns. Er lebt mit seiner Mutter auf einer großen Kaffeefinca. Sein Vater ist vor wenigen Monaten gestorben, und nun haben sie sich schweren Herzens entschlossen, einen Teil ihres Landes zu verkaufen.
Es gibt allerdings eine Bedingung. Die Mutter wünscht sich jemanden, der den Wald respektiert. Ihr Mann habe ihn sein Leben lang gepflegt und nie einfach Bäume gefällt. Das solle auch so bleiben. Wir haben keine großen Erwartungen, als wir loslaufen. Doch schon nach wenigen Minuten verstehen wir, weshalb Vladimir von einem magischen Wald gesprochen hat.
Zwischen riesigen, alten Bäumen wachsen Kaffeepflanzen im Schatten. Vier kleine Bäche schlängeln sich durch das Gelände, irgendwo hören wir das Rauschen eines Wasserfalls. Das Sonnenlicht fällt nur stellenweise durch das dichte Blätterdach und taucht den Wald in ein weiches, fast unwirkliches Licht. Überall zwitschern Vögel, und es riecht nach feuchter Erde und Kaffee. Je weiter wir gehen, desto stiller werden wir. Irgendwann bleiben wir einfach stehen und schauen uns an. Wir sind beide verzaubert. Plötzlich erscheint uns die Vorstellung, morgens hier aufzuwachen und den ersten Kaffee mit unserer Bialetti zuzubereiten, erstaunlich verlockend.

Fast unmerklich beginnen wir, Pläne zu schmieden. Dort könnte das Haupthaus stehen. Etwas weiter unten vielleicht zwei oder drei kleine Gästehäuser. Ein natürlicher Pool ließe sich anlegen. Alex entdeckt sofort das Potenzial der kleinen Bäche. „Hier könnte man sogar ein kleines Wasserkraftwerk bauen“, sagt er begeistert.
Ich sehe stattdessen Menschen unter den großen Bäumen sitzen, lesen, schreiben oder einfach die Stille genießen. Wir gehen fast den ganzen Nachmittag durch den Wald und merken gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht.
Als wir wieder beim Bauernhaus ankommen, sitzt Vladimir bereits da, trinkt Bier, rechnet laut vor, wie einfach sich alles organisieren ließe, und greift zum Telefon, um eine Notarin anzurufen. Ich muss lachen. Während wir noch versuchen zu begreifen, dass wir gerade ernsthaft darüber nachdenken, vier Hektar Wald in Kolumbien zu kaufen, scheint für Vladimir die Sache längst entschieden zu sein. Und ehrlich gesagt: Für einen kurzen Moment fühlt es sich auch für uns genau richtig an.

Am Abend sitzen wir lange auf dem Balkon des Casa Pájaro und sprechen über nichts anderes mehr. Was am Morgen noch eine verrückte Idee gewesen ist, fühlt sich plötzlich erstaunlich konkret an. Zum ersten Mal stellen wir uns ernsthaft die Frage, ob unser Leben nach der Segelreise vielleicht ganz anders aussehen könnte, als wir es uns jemals vorgestellt haben. Der Plan entwickelt sich beinahe von selbst. Héctor könnte sich weiterhin um die Kaffeepflanzen kümmern und die Ernte verkaufen, solange wir noch mit Mabul unterwegs sind. Wenn unsere Segelreise eines Tages zu Ende geht, könnten wir nach Kolumbien zurückkehren und Schritt für Schritt etwas Eigenes aufbauen.
Kein großes Hotel. Eher ein Ort, an dem die Natur im Mittelpunkt steht. Vielleicht ein paar Gästehäuser. Ein Platz für Menschen, die Ruhe suchen. Zum Schreiben, Lesen oder einfach zum Durchatmen. Je länger wir darüber sprechen, desto realistischer erscheint uns die Idee. Wir beginnen, Fragen zu stellen. Wir telefonieren mit einer Anwältin, erkundigen uns nach den Möglichkeiten für Ausländer, Land in Kolumbien zu kaufen, und sprechen über Visa, Steuern und Eigentumsrechte.
Schnell merken wir, dass die Sache komplizierter ist, als sie auf den ersten Blick aussieht. Auch ganz praktische Dinge beginnen uns zu beschäftigen. Alex vergleicht die GPS-Punkte, die er während unseres Rundgangs mit unserem Garmin aufgezeichnet hat, mit den offiziellen Grundstücksplänen. Sie stimmen nicht ganz überein. Wahrscheinlich ist es nur ein ungenaues GPS-Signal unter dem dichten Blätterdach – vielleicht aber auch nicht. Plötzlich merken wir, wie schnell aus einer romantischen Idee ein Projekt mit unzähligen offenen Fragen wird.
Trotzdem lässt uns der Zauber des Waldes nicht los. Immer wieder sprechen wir darüber, wie unser Leben dort aussehen könnte. Alex entwirft bereits im Kopf Wege zwischen den Bäumen und überlegt, wie sich die kleinen Bäche zur Energiegewinnung nutzen ließen. Ich stelle mir einen großen Holztisch unter den Bäumen vor, an dem Menschen aus aller Welt zusammensitzen, Geschichten austauschen oder an ihren Büchern arbeiten.

Es ist erstaunlich, wie schnell aus einem flüchtigen Gedanken eine Vision werden kann. Und vielleicht liegt genau darin die Gefahr. Denn langsam meldet sich bei mir ein leises Unbehagen. Zunächst kann ich nicht sagen, woran es liegt. Der Wald ist wunderschön. Die Besitzer sind sympathisch. Auch der Preis erscheint im Vergleich zu Europa beinahe unglaublich.
Doch irgendwo tief in mir bleibt das Gefühl, dass wir nichts überstürzen sollten. Zwei Tage lang versuche ich, diesen Gedanken zu ignorieren. Dann fahren wir noch einmal hin. Diesmal nicht voller Euphorie, sondern mit etwas mehr Abstand.
Wir nehmen unser klappriges Motorrad und machen uns auf den Weg. Schon nach wenigen Kilometern werden die Straßen immer schlechter. Tiefe Schlaglöcher wechseln sich mit ausgewaschenen Lehmpisten ab. Nach Regen wären sie kaum mehr passierbar. Je weiter wir fahren, desto einsamer wird die Landschaft. Häuser werden seltener, Menschen sehen wir kaum noch. Irgendwann hält Alex an. Er nimmt den Helm ab, schaut sich um und sagt plötzlich:
„Du hast recht.“
Ich sehe ihn überrascht an.
„Es ist wunderschön“, sagt er. „Aber es ist wirklich weit weg.“
Genau das ist der Punkt.
Der Wald ist magisch. Vielleicht gerade deshalb. Aber er liegt am Ende der Welt. Wir würden dort unser eigenes kleines Paradies bauen – und irgendwann allein in diesem Paradies sitzen. Ich kenne mich gut genug. Ich brauche Menschen um mich herum. Begegnungen. Zufälle. Freunde, die spontan vorbeikommen. Einen Markt, auf dem ich Gemüse einkaufe. Ein Café, in dem ich jemanden treffe. Ich möchte schreiben, aber nicht in völliger Abgeschiedenheit leben. Und dann erkenne ich noch etwas.
Mit Mabul haben wir bereits ein riesiges Projekt am Hals. Oft ist Alex gedanklich beim Boot, selbst wenn wir gerade irgendwo am schönsten Ankerplatz liegen. Jetzt stehen wir kurz davor, uns das nächste Großprojekt zuzulegen. Wieder ein Traum. Wieder etwas, das gepflegt, gebaut, organisiert und erhalten werden muss. Wieder etwas, das uns bindet. Wir schauen uns an. Keiner von uns sagt es laut. Aber wir wissen beide, dass wir dieses Grundstück nicht kaufen werden.
Es tut überraschend weh. Nicht, weil wir etwas verlieren, das wir bereits besitzen. Sondern weil wir uns von einem Leben verabschieden, das wir in Gedanken schon begonnen haben zu führen. Wir sehen das kleine Haus vor uns, die Gäste, die Kaffeepflanzen. All das verschwindet nun wieder. Und trotzdem fühlt sich die Entscheidung richtig an. Manchmal besteht Freiheit eben nicht darin, einen Traum zu verwirklichen. Sondern darin, ihn wieder loszulassen.

Wir verlassen Barichara schließlich ohne Kaufvertrag. Dafür mit Telefonnummern von Maklern, neuen Freunden und unzähligen Fotos von Grundstücken, die wir uns wahrscheinlich noch jahrelang anschauen werden. Vladimir schüttelt den Kopf, als wir ihm unsere Entscheidung erklären. „Ihr kommt zurück“, sagt er überzeugt. „Alle kommen zurück.“ Vielleicht hat er recht. Denn Barichara hat etwas mit uns gemacht.
Wir sind gekommen, um uns zu erholen. Wir wollten schreiben, wandern und ein bisschen Abstand von Mabul gewinnen. Stattdessen haben wir uns plötzlich gefragt, wie unser Leben überhaupt aussehen soll. Vielleicht steckt genau darin das Geheimnis dieses Ortes.
Fast jeder, den wir hier kennenlernen, erzählt dieselbe Geschichte. Sie kommen für ein Wochenende. Oder für ein paar Ferien. Sie wollen eigentlich nur kurz bleiben. Und plötzlich finden sie sich dabei wieder, Grundstücke anzuschauen, Häuser zu besichtigen oder darüber nachzudenken, ob ein anderes Leben möglich wäre. Vielleicht ist das der eigentliche Luxus von Barichara. Nicht die kolonialen Häuser. Nicht die spektakuläre Landschaft. Nicht das angenehme Klima. Sondern dass man hier plötzlich den Mut bekommt, über ein anderes Leben nachzudenken.
Wir aber steigen wieder auf Mabul. Vor uns liegen der Panamakanal, der Pazifik und Tausende von Seemeilen. Das Boot ist vollgetankt, die Schränke sind gefüllt, die Leinen werden losgeworfen. Langsam verschwindet die Küste hinter uns. Noch heißt unser Zuhause Mabul.
Und vielleicht ist genau das im Moment die wichtigste Erkenntnis: Man muss nicht jeden Traum verwirklichen, nur weil man ihn einmal geträumt hat. Manchmal reicht es, ihn gehabt zu haben.
Weitere Fotos findest du in dieser Galerie, und hier die Aufnahmen vom Birding im Casa Pajero.
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